Ein Kampfjet mit einem Marschflugkörper
Wiki | André Gerwing - CC BY-SA 4.0

ELSA

Info-Portal zu ELSA, dem europäischen Rüstungsprojekt zur Entwicklung konventioneller Präzisionswaffen mit Reichweiten bis zu 2.000 km. Sicherheit durch Abschreckung oder bedrohliches Wettrüsten?

Ein Kampfjet mit einem Marschflugkörper
Wiki | André Gerwing - CC BY-SA 4.0

➡️ ELSA - Europas neues Langstreckenprojekt verändert die Sicherheitsarchitektur

Der European Long-Range Strike Approach (ELSA) markiert einen tiefgreifenden Wandel in der europäischen Sicherheits- und Rüstungspolitik. Was im Juli 2024 am Rande des NATO-Gipfels in Washington zunächst als Absichtserklärung von Deutschland, Frankreich, Italien und Polen begann, hat sich inzwischen zu einem strategischen Großprojekt entwickelt, dem später Großbritannien und Schweden beitraten.

Ziel der Initiative ist die Entwicklung und Beschaffung neuer konventioneller Langstreckenwaffen mit Reichweiten von mehr als 500 bis über 2.000 Kilometer. Dahinter steht ein sicherheitspolitischer Anspruch, der weit über die Entwicklung neuer Waffensysteme hinausgeht: Europa soll militärisch eigenständiger werden und die Abhängigkeit von amerikanischen Technologien reduzieren.

Die Entstehung des Projekts ist eng mit den Erfahrungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verbunden. Der Krieg hat deutlich gemacht, welche strategische Bedeutung weitreichende Präzisionswaffen inzwischen besitzen. Russland setzt Marschflugkörper, ballistische Raketen und Drohnensysteme ein, die weit hinter den Frontlinien kritische Infrastruktur und militärische Ziele angreifen können.

In NATO-Kreisen wächst deshalb seit Jahren die Sorge, dass Europa im Bereich solcher sogenannten „Deep Precision Strikes“ über erhebliche Fähigkeitslücken verfügt. Schätzungen zufolge stammen derzeit rund 90 Prozent der Langstrecken-Schlagkraft innerhalb des Bündnisses aus den Vereinigten Staaten. Europäische Staaten sehen diese starke Abhängigkeit zunehmend als strategisches Risiko.

Denn die Entwicklungen in den USA verleihen dieser Debatte zusätzliche Dynamik. Die US-Regierung hat im Frühjahr 2026 angekündigt, rund 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Gleichzeitig wurden frühere Planungen ausgesetzt, ab 2026 amerikanische Langstreckenwaffen – darunter Tomahawk-Marschflugkörper, SM-6-Systeme und Hyperschallwaffen – in Deutschland zu stationieren. Diese Waffen sollten ursprünglich eine Übergangslösung darstellen, bis Europa eigene Systeme entwickelt hat.

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Eine Statistik zu den Militärausgaben in Deutschland und der EU
statista - CC BY-ND 3.0

Der geplante „Flugkörpermix“

ELSA setzt bewusst nicht auf ein einzelnes Waffensystem, sondern auf eine Kombination verschiedener Technologien. Militärplaner sprechen von einem strategischen „Flugkörpermix“, bei dem unterschiedliche Systeme ihre jeweiligen Stärken ausspielen sollen.

Zum geplanten Portfolio gehören:

  • modernisierte Marschflugkörper, darunter mögliche Weiterentwicklungen bestehender Systeme wie Taurus,
  • ballistische Mittelstreckenraketen,
  • Hyperschallgleitflugkörper,
  • kostengünstige Langstreckendrohnen.

Die Systeme sollen Reichweiten zwischen 500 und mehr als 2.000 Kilometern erreichen. Marschflugkörper gelten als besonders präzise und flexibel einsetzbar, während Hyperschallsysteme aufgrund ihrer extrem hohen Geschwindigkeit und schwierigen Abfangbarkeit militärisch als besonders wirksam eingestuft werden.

Ein konkreter Schritt erfolgte im Mai 2025: Deutschland und Großbritannien kündigten im Rahmen ihrer erweiterten Verteidigungskooperation die Entwicklung eines neuen Präzisionswaffensystems mit einer Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern an.

Politische Unterstützung und Ablehnung

Im deutschen Bundestag stößt das Projekt überwiegend auf Zustimmung – zumindest bei den Parteien der politischen Mitte. SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP sehen ELSA grundsätzlich als notwendigen Schritt zur Schließung sicherheitspolitischer Defizite.

Die SPD unterstützt den Kurs von Verteidigungsminister Boris Pistorius und versteht das Projekt als Beitrag zur Stärkung der europäischen Säule innerhalb der NATO. Die Union fordert seit Jahren eine stärkere Abschreckungspolitik gegenüber Russland und drängt teilweise auf eine schnellere Umsetzung entsprechender Programme.

Die Grünen verbinden ihre Zustimmung mit Forderungen nach stärkerer parlamentarischer Kontrolle und enger europäischer Abstimmung. Die FDP hebt zusätzlich industriepolitische Aspekte hervor und verweist auf Chancen für europäische Rüstungsunternehmen sowie auf die Bedeutung technologischer Innovationen.

Was halten die Deutschen von der Aufrüstung anhand einer Statistik
statista - CC BY-ND 3.0

Deutliche Ablehnung kommt von den anderen Oppositionsparteien des Bundestags. AfD, Die Linke und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) lehnen die Initiative aus unterschiedlichen Gründen ab, teilen jedoch zentrale Kritikpunkte.

Die AfD warnt vor einer weiteren Verschärfung der Konfrontation mit Russland und fordert verstärkte diplomatische Bemühungen. Die Linke betrachtet ELSA als Ausdruck eines neuen europäischen Wettrüstens und kritisiert die finanziellen Prioritäten. Das BSW argumentiert ähnlich und warnt davor, Deutschland durch die Entwicklung und mögliche Stationierung solcher Systeme zu einem bevorzugten militärischen Ziel zu machen.

In der deutschen Zivilgesellschaft wird inzwischen deutlich positiver auf Aufrüstung und eine stärkere Verteidigungsfähigkeit geschaut als noch vor wenigen Jahren. Rund 64–70 % der Deutschen unterstützen höhere Verteidigungsausgaben; 62 % befürworten sogar eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. Gleichzeitig glauben nur 17 %, dass die Bundeswehr Deutschland im Ernstfall derzeit ausreichend verteidigen könnte – 72 % zweifeln daran.

Friedensbewegung warnt vor neuer Rüstungsspirale

Besonders scharf fällt dagegen die Kritik aus der Friedensbewegung aus. Dort wird ELSA als möglicher Einstieg in eine neue europäische Rüstungsdynamik betrachtet. Dabei werden drei zentrale Risiken durch das Rüstungsprojekt genannt.

Erstens bestehe eine erhöhte Eskalationsgefahr. Auch wenn die Systeme ausschließlich konventionelle Sprengköpfe tragen sollen, könnten große Reichweiten und kurze Reaktionszeiten im Krisenfall Fehlwahrnehmungen oder Fehlentscheidungen begünstigen.

Zweitens befürchten Friedensgruppen eine neue Rüstungsspirale. Statt Abrüstungsinitiativen und Rüstungskontrolle in den Mittelpunkt zu stellen, werde die Abschreckungslogik weiter verstärkt.

Drittens kritisieren sie einen unzureichenden öffentlichen Diskurs über die langfristigen strategischen Folgen solcher Entscheidungen. Aus ihrer Sicht fehlt bislang eine breite gesellschaftliche und politische Debatte über Reichweite, Konsequenzen und Risiken entsprechender Vorhaben.

Vor diesem Hintergrund bewertet die Friedensbewegung die vorerst ausgesetzten beziehungsweise bislang nicht umgesetzten Planungen zur Stationierung amerikanischer Langstreckenwaffen in Deutschland ab 2026 als Chance, statt einer neuen Stationierungs- und Aufrüstungsspirale wieder Verhandlungen mit Russland über Rüstungskontrolle und Abrüstung stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Eine Demo gegen Rüstung und Waffen mit einem Banner der Links-Partei
Flickr | Fraktion Die Linke - CC BY 2.0

Der Vergleich mit dem NATO-Doppelbeschluss

In der aktuellen Debatte wird häufig auf historische Parallelen zum NATO-Doppelbeschluss der frühen 1980er-Jahre verwiesen. Damals reagierte die NATO auf die Stationierung sowjetischer SS-20-Mittelstreckenraketen mit einer Doppelstrategie aus Aufrüstung und Verhandlungen, die schließlich zum INF-Abrüstungsvertrag von 1987 führte.

Die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich: In beiden Fällen geht es um die Schließung einer wahrgenommenen militärischen Lücke gegenüber Moskau und um Abschreckung durch Reichweite.

Die Unterschiede sind jedoch groß. Die damaligen Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles waren nuklear bestückt und galten wegen ihrer kurzen Flugzeiten als besonders destabilisierend. ELSA hingegen ist ausdrücklich auf konventionelle Systeme ausgelegt. Außerdem handelt es sich nicht um amerikanische Waffen auf europäischem Boden, sondern um eine europäische Eigenentwicklung. Während der Doppelbeschluss ausdrücklich ein Verhandlungsangebot enthielt, existiert bei ELSA bislang keine vergleichbare diplomatische Komponente.

ELSA steht damit für eine grundlegende Neuorientierung europäischer Sicherheitspolitik. Jahrzehntelang verließ sich Europa im Bereich strategischer Langstreckenfähigkeiten weitgehend auf die Vereinigten Staaten. Nun wächst der politische Wille, eigene Fähigkeiten aufzubauen. Ob dieses Projekt langfristig zu mehr Sicherheit führt oder die Dynamik eines neuen Wettrüstens verstärkt, dürfte eine der zentralen sicherheitspolitischen Fragen der kommenden Jahre werden.

Aufrüstung stärkt dabei vor allem das Sicherheitsgefühl jener, die auf militärische Abschreckung setzen, während zugleich natürlich auch die Gegenseite ihrerseits auf zusätzliche Rüstungsausgaben reagiert. Dadurch kann insgesamt eine wachsende Unsicherheit für alle Beteiligten entstehen, während finanzielle und politische Ressourcen verstärkt in militärische Bereiche statt in Soziales, Bildung und Gesundheit gelenkt werden.

Autor: Maximilian Stark, 26.05.26, lizenziert unter CC BY-SA 4.0

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