Eine Friedensflagge weht im Wind
Wiki | Shenkonic - CC BY-SA 4.0

Friedensgutachten

Was steckt hinter dem Friedensgutachten 2026? Fakten, Kritik an den Instituten und Debatten über Frieden, NATO und Aufrüstung. Jetzt lesen!

Eine Friedensflagge weht im Wind
Wiki | Shenkonic - CC BY-SA 4.0

Das ➡️ Friedensgutachten - Deutschlands wichtigste Analyse zu Krieg und Frieden

Das Friedensgutachten gilt als das wichtigste und traditionsreichste wissenschaftliche Jahresgutachten der deutschen Friedens- und Konfliktforschung. Seit 1987 erscheint es jährlich und analysiert die Entwicklung internationaler Konflikte, Kriege, Friedensprozesse und sicherheitspolitischer Herausforderungen.

Herausgegeben wird es von den vier führenden deutschen Friedensforschungsinstituten: dem BICC – Bonn International Centre for Conflict Studies, dem PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, dem IFSH – Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik sowie dem INEF – Institut für Entwicklung und Frieden.

Das Gutachten verbindet wissenschaftliche Forschung mit konkreter Politikberatung und wird traditionell in der Bundespressekonferenz vorgestellt sowie an Bundesregierung und Bundestag übergeben. Ziel ist es, aktuelle Entwicklungen wissenschaftlich einzuordnen und Handlungsempfehlungen für die deutsche und europäische Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik zu formulieren.

*****

Eine Grafik zur Lage des Weltfriedens
statista - CC BY-ND 3.0

Friedensgutachten 2026: Warnung vor neuer globaler Gewaltordnung

Das Friedensgutachten 2026 trägt den Titel „Die neuen Warlords. Gewaltdynamiken einhegen“ und zeichnet ein alarmierendes Bild der internationalen Sicherheitslage. Die Autoren sehen die regelbasierte Weltordnung in einer tiefen Krise.

Staaten würden zunehmend Gewalt als Mittel der Politik einsetzen, um Macht-, Einfluss- und Wirtschaftsinteressen durchzusetzen. Laut den im Gutachten ausgewerteten Daten wurden 2024 weltweit 61 bewaffnete Konflikte in 36 Ländern registriert – der höchste Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Friedensforscher sprechen daher von der gewalttätigsten Phase seit dem Ende des Kalten Krieges. Bis April 2025 waren dadurch über 120 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.

Zu den zentralen Befunden gehören die zunehmende Blockade der Vereinten Nationen durch Großmachtrivalitäten, die wachsende Bedeutung regionaler Machtakteure wie Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie der steigende Druck auf die internationale Entwicklungszusammenarbeit.

Gleichzeitig warnen die Forschenden vor neuen Rüstungsdynamiken durch Künstliche Intelligenz, Cyberwaffen und autonome Waffensysteme. Nachhaltiger Frieden könne nach ihrer Einschätzung nur gelingen, wenn Waffenstillstände durch Sicherheitsgarantien, funktionierende staatliche Strukturen und die konsequente Einhaltung des Völkerrechts ergänzt werden. Das Gutachten versteht sich damit als eindringlicher Appell, internationale Institutionen zu stärken und den weiteren Zerfall der globalen Friedensordnung zu verhindern.

Eine ➡️ vollständige Analyse, die das gesamte Friedensgutachten 2026 zum Abruf bereitstellt, bietet das PRIF.

Mahnwache für Frieden in der Ukraine und im Gedenken an die Opfer des Krieges in Hof (Saale) am 24.02.2024
Wiki | PantheraLeo1359531 - CC BY 4.0

Empfehlungen für Deutschlands Außenpolitik in Ukraine und Nahost

Das Friedensgutachten 2026 fordert von der Bundesregierung eine Außen- und Sicherheitspolitik, die sich konsequent am Völkerrecht orientiert und langfristige Friedensprozesse über kurzfristige politische Vereinbarungen stellt. Die Autoren warnen davor, internationale Krisen durch kurzfristige „Deals“ lösen zu wollen.

Stattdessen seien belastbare Institutionen, verlässliche Sicherheitsgarantien und eine glaubwürdige Friedensdiplomatie notwendig. Deutschland solle dabei Doppelstandards vermeiden und Verstöße gegen das Völkerrecht unabhängig davon benennen, ob sie von Verbündeten oder geopolitischen Rivalen begangen werden.

Mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sprechen sich die Friedensforscher für eine institutionelle Absicherung möglicher Friedensvereinbarungen aus. Sicherheitsgarantien dürften nicht allein von einzelnen Regierungen oder politischen Führungsfiguren abhängen, sondern müssten dauerhaft und verbindlich verankert werden.

Ein bloßer Waffenstillstand ohne klare politische und rechtliche Rahmenbedingungen könne keinen nachhaltigen Frieden schaffen. Verhandlungen sollten deshalb von Beginn an völkerrechtskonforme Regelungen, einen transparenten Umgang mit Sanktionen sowie Konzepte für den langfristigen Wiederaufbau der Ukraine umfassen. Zudem müsse die Demobilisierung von Kämpfern und deren gesellschaftliche Reintegration frühzeitig vorbereitet werden, um neue Gewaltzyklen zu verhindern.

Für den Nahen Osten formuliert das Gutachten ebenfalls weitreichende Empfehlungen. Die Autoren sprechen sich ausdrücklich für eine deutsche Anerkennung eines palästinensischen Staates aus und sehen darin einen wichtigen Schritt für eine langfristige politische Lösung des Konflikts. Für den Gazastreifen empfehlen sie zudem konkrete personelle Unterstützung bei Entwaffnungs- und Demobilisierungsmaßnahmen, etwa im Rahmen bestehender europäischer Missionen.

Zugleich kritisieren die Forschenden, dass die Bundesregierung mutmaßliche Verstöße gegen das Völkerrecht durch Israel bislang nicht immer eindeutig benannt habe. Dies schwäche nach ihrer Einschätzung die internationale Glaubwürdigkeit Deutschlands, insbesondere gegenüber Staaten des Globalen Südens.

Über die beiden Krisenregionen hinaus fordert das Friedensgutachten einen strategischen Kurswechsel in der deutschen Außenpolitik. Deutschland solle gemeinsam mit der Europäischen Union, Großbritannien und Partnerstaaten wie Südafrika neue internationale Bündnisse zur Verteidigung der regelbasierten Weltordnung aufbauen.

Gleichzeitig wenden sich die Friedensforscher gegen Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe. Angesichts zunehmender Konflikte, Fluchtbewegungen und der Folgen des Klimawandels seien Investitionen in Krisenprävention und Stabilisierung wichtiger denn je. Wer an diesen Mitteln spare, schwäche langfristig die Voraussetzungen für Frieden und Sicherheit.

Eine Statistik zur weltweiten Friedensarbeit der Staaten
statista 2021

Wer finanziert die deutschen Friedensforschungsinstitute?

Die großen deutschen Friedensforschungsinstitute werden überwiegend durch öffentliche Mittel finanziert. Den größten Anteil stellen der Bund und die Bundesländer über institutionelle Grundfinanzierungen bereit. Ergänzt wird diese Finanzierung durch Drittmittel für konkrete Forschungsprojekte, die bei Ministerien, Forschungsförderern, Stiftungen und internationalen Organisationen eingeworben werden. Private Spenden spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Die vier Herausgeber des Friedensgutachtens verfügen dabei über unterschiedliche Finanzierungsmodelle. Das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) gehört zur Leibniz-Gemeinschaft und wird nach eigenen Angaben zu 54 Prozent vom Bund und zu 46 Prozent vom Land Hessen finanziert. Zusätzlich erhält das Institut einen festen Zuschuss der Stadt Frankfurt am Main.

Das Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) wird als gemeinnützige GmbH maßgeblich vom Land Nordrhein-Westfalen getragen. Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) erhält seine institutionelle Finanzierung von der Freien und Hansestadt Hamburg. Das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) wiederum ist Teil der Universität Duisburg-Essen und wird vor allem über Landesmittel Nordrhein-Westfalens finanziert.

Für Forschungsprojekte werben alle Institute zusätzlich Drittmittel ein. Zu den wichtigsten Geldgebern zählen das Auswärtiges Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die regelmäßig friedens- und entwicklungspolitische Forschung fördern. Hinzu kommen wissenschaftliche Förderorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Stiftung Friedensforschung. Darüber hinaus unterstützen private Stiftungen, darunter die Robert Bosch Stiftung und die VolkswagenStiftung, zahlreiche Forschungs- und Praxisprojekte.

Insgesamt basiert die Finanzierung der deutschen Friedensforschung damit auf einem Mischmodell aus staatlicher Grundförderung und projektbezogenen Drittmitteln. Dieses System soll einerseits die langfristige wissenschaftliche Arbeit der Institute sichern und andererseits die Finanzierung innovativer Forschungsprojekte zu aktuellen internationalen Krisen und Konflikten ermöglichen.

„Nie wieder kriegstüchtig! Stehen wir auf für Frieden“ vereinte erfolgreich eine gewachsene soziale und politische Opposition gegen die Hochrüstungspläne und die Verschuldungspolitik der Bundesregierung
Wiki | A. Josef Dernbecher - CC SA 4.0

Das Friedensgutachten 2025

Das Friedensgutachten 2025 mit dem Titel „Frieden retten!“ und dem Fokus auf die „Zerstörung politischer Ordnung unter US-Präsident Trump“ hat nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik ausgelöst. Vor allem aus Teilen der Friedensbewegung wird den vier Herausgeber-Instituten vorgeworfen, sich zunehmend an sicherheitspolitischen Positionen von Bundesregierung, EU und NATO zu orientieren.

Die Kritik verweist insbesondere auf die Unterstützung militärischer Hilfen für die Ukraine, die Befürwortung einer stärkeren europäischen Verteidigungsfähigkeit und die Betonung von Abschreckung als Mittel zur Friedenssicherung. Vor diesem Hintergrund wird die Frage gestellt, ob die Institute angesichts ihrer überwiegend staatlichen Finanzierung noch ausreichend unabhängig agieren oder ob sie zunehmend als wissenschaftliche Legitimation bestehender Sicherheits- und Verteidigungspolitik dienen.

Die Institute weisen solche Vorwürfe zurück und betonen ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit. Sie argumentieren, Friedensforschung müsse aktuelle Konflikte realistisch analysieren und könne dabei auch zu dem Schluss kommen, dass militärische Maßnahmen zur Verteidigung des Völkerrechts oder zum Schutz angegriffener Staaten notwendig seien.

Die Debatte verdeutlicht einen grundlegenden Konflikt innerhalb der Friedensforschung: Während einige Akteure Frieden vor allem durch Abrüstung, Diplomatie und zivile Konfliktbearbeitung erreichen wollen, halten andere Sicherheit, Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit für unverzichtbare Voraussetzungen eines stabilen Friedens.

Das Friedensgutachten 2025 als PDF und die Bundespressekonferenz (hörenswert)

Hier ein Pressespiegel und der Tagesschau Beitrag.

Autor: Maximilian Stark, Datum: 9. Juni 2026 lizenziert unter CC BY-SA 4.0

Weitere Informationen zum Friedensgutachten findest du unten ⬇️