Eine Gruppe von THW-Mitglieder räumen eine Unfallstelle
Wiki | Jan Tschorsnig, THW Ludwigsburg - CC BY-SA 3.0

➡️ Katastrophenschutz - Schutz vor Klimakrise, Kriege und Black-Outs

Der Katastrophenschutz gewinnt weltweit zunehmend an Bedeutung, da die Risiken aus Klimakrise, technologischer Abhängigkeit und geopolitischen Konflikten zunehmen und sich überlagern.

Die globale Durchschnittstemperatur liegt bereits mehr als 1 °C über dem vorindustriellen Niveau, was zu einer deutlichen Zunahme extremer Wetterereignisse führt. Jährlich sind weltweit mehrere hundert Millionen Menschen von Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen oder schweren Stürmen betroffen. Die dadurch verursachten wirtschaftlichen Schäden erreichen regelmäßig Summen von mehreren hundert Milliarden US-Dollar pro Jahr. Für den Katastrophenschutz bedeutet dies eine stetige Ausweitung von Einsatzlagen, die größer, komplexer und länger andauernd sind als in früheren Jahrzehnten.

Ein zentrales Szenario moderner Krisenvorsorge sind großflächige Stromausfälle. Weltweit sind kritische Infrastrukturen wie Wasserversorgung, Gesundheitswesen, Telekommunikation, Transport und Lebensmittelversorgung in hohem Maße von Elektrizität abhängig; in industrialisierten Staaten gelten über 80 % dieser Systeme als stromabhängig. Bereits ein mehrtägiger Blackout kann die Versorgung von Millionen Menschen gefährden und zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Folgeschäden führen. Der Katastrophenschutz muss daher nicht nur auf Naturereignisse reagieren, sondern auch auf systemische Ausfälle vorbereitet sein, die ganze Regionen oder Staaten gleichzeitig betreffen können.

Parallel dazu nimmt die Bedeutung von Katastrophenschutz im Kontext bewaffneter Konflikte wieder zu. Weltweit existieren aktuell über 50 aktive Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen, in denen zivile Infrastruktur häufig zerstört oder gezielt angegriffen wird. Mehr als 100 Millionen Menschen sind aktuell auf der Flucht, viele von ihnen infolge einer Kombination aus Krieg, Staatszerfall und klimabedingter Ressourcenknappheit. Diese Entwicklungen erhöhen den Bedarf an humanitärer Hilfe, Evakuierung, Notversorgung und Schutz der Zivilbevölkerung erheblich.

Vor diesem Hintergrund wird Katastrophenschutz zunehmend zu einer dauerhaften, strategischen Aufgabe. Er umfasst nicht nur akute Gefahrenabwehr, sondern auch Prävention, Risikobewertung und den Aufbau gesellschaftlicher Resilienz. Szenarien wie die Klimakrise, langanhaltende Blackouts oder kriegsbedingte Versorgungsausfälle müssen systematisch in Planung, Ausbildung und Bevölkerungsschutz integriert werden, um die Handlungsfähigkeit von Staat und Gesellschaft auch unter extremen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

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Diese Illustrationen zeigen die Überschwemmungen, die Deutschland im Juli 2021 heimsuchten. Mehrere europäische Länder wurden im Sommer 2021 von verheerenden Überschwemmungen getroffen, die zahlreiche Todesopfer forderten und erhebliche Schäden verursachten. Die Überschwemmungen, die zunächst mehrere Flussgebiete in Großbritannien und anschließend in Nord- und Mitteleuropa betrafen, wurden durch ungewöhnlich hohe Niederschlagsmengen ausgelöst.
Wiki | Jean-Christophe Verhaegen - CC BY 4.0

Katastrophenschutz in Deutschland

Die aktuelle Lage des Katastrophenschutzes in Deutschland lässt sich als kritisch aber im Wandel begriffen beschreiben: Trotz wachsender Bedrohungen durch Extremwetter, Krisen und komplexe Gefahrenlagen bestehen weiterhin deutliche Defizite in Ausstattung, Planung und Vorbereitung – gleichzeitig laufen politische Initiativen und Reformdebatten, um den Schutz der Bevölkerung zu stärken.

Deutschland ist nach Ansicht führender Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) derzeit nicht ausreichend auf einen umfassenden Krisen- oder Katastrophenfall vorbereitet. Es fehle vor allem an ausreichender Ausstattung, angemessenen Vorräten und personeller Kapazität: Für mobile Betreuungsmodule etwa sei aktuell kein Geld im Haushalt fest veranschlagt, und man sei „bei Weitem nicht in der Lage“, für ein bis zwei Prozent der Bevölkerung Betreuungs- und Versorgungsangebote sicherzustellen. Das DRK fordert deshalb rund 2,5 Milliarden € pro Jahr, sieht aber derzeit nur etwa die Hälfte davon im Haushalt verankert.

Auch kommunale Behörden berichten, dass der Katastrophenschutz in vielen Bereichen noch hinter modernen Anforderungen zurückbleibt: Eine Umfrage unter rund 158 Landkreisen und kreisfreien Städten zeigte, dass neun von zehn Behörden bereits „Echtfälle“ bewältigen mussten, jedoch im Durchschnitt nur 4,6 hauptamtliche Mitarbeiter pro Behörde für Katastrophenschutz und Krisenmanagement zur Verfügung stehen. KI-Unterstützung wird aktuell kaum genutzt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das Fehlen eines übergreifenden, kohärenten Plans für großflächige Gefahren wie Blackouts oder Wetterextreme: Vertreter der Landkreise betonen, dass etwa Strategien für den Schutz der Energieversorgung und die Absicherung kritischer Infrastrukturen noch nicht ausreichend entwickelt seien. Wie das konkret aussehen kann, verdeutlichte der tagelange Stromausfall in mehreren Teilen Berlins im Dezember 2025 nach einem gezielten Brandanschlag auf die lokale Stromversorgung.

Eine Infografik zu Blackouts in Deutschland
statista 2022

Die Warninfrastruktur zeigt ebenfalls Schwächen: Zwar existieren bundesweite Systeme wie die Warn-App NINA, über die Behörden Warnmeldungen direkt an Smartphones senden können, doch reicht die Nutzung und technische Funktion noch nicht aus, um im Ernstfall flächendeckend und zuverlässig zu informieren.

Auch im Bereich des Zivilschutzes – also dem Schutz der Bevölkerung im Verteidigungs- oder Krisenfall – gibt es große Lücken: Die Zahl der Schutzräume in Deutschland beträgt nur wenige Hunderttausend Plätze – rund 480.000 Schutzplätze in etwa 580 Anlagen – was weniger als ein Prozent der Bevölkerung entspricht. Ausbaupläne existieren, doch sind sie bislang unzureichend umgesetzt.

Vor diesem Hintergrund steigen politische und gesellschaftliche Forderungen nach Reformen: Verbände wie der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) betonen die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform des Zivil- und Katastrophenschutzes, die Bund, Länder, Kommunen und Hilfsorganisationen besser vernetzt und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung stärkt. Gleichzeitig hat die Bundesregierung angekündigt, bis 2029 insgesamt rund 10 Milliarden € in die Modernisierung des Bevölkerungsschutzes zu investieren – u. a. in neue Warnsysteme, Schutzräume und moderne Fahrzeuge –, was als größtes Modernisierungsprogramm seit Jahrzehnten gilt.

Die öffentliche Wahrnehmung spiegelt diese Problematik wider: Laut einer aktuellen Umfrage sprechen sich über 90 % der Teilnehmenden dafür aus, dass die Bundesregierung mehr Geld in den Katastrophenschutz investieren sollte, was die breite gesellschaftliche Zustimmung zu stärkeren Maßnahmen unterstreicht.

Eine Statistik über die weltweite Zunahme von Naturkatastrophen
statista 2021

Katastrophenschutz in Europa

Zentrales Instrument des Katastrophenschutzes der Europäischen Union ist der EU Civil Protection Mechanism (UCPM), der die Zusammenarbeit der 27 EU-Staaten und weiterer Partner koordiniert. Seit seiner Einführung im Jahr 2001 wurde der Mechanismus mehr als 800-mal aktiviert, um auf Naturkatastrophen, Epidemien, Konflikte oder andere Krisen zu reagieren. Allein im Jahr 2025 kam es zu 64 Einsätzen – auch ein Zeichen für den wachsenden Bedarf an grenzüberschreitender Hilfe.

Die Rolle der EU liegt dabei vor allem in Koordination und Unterstützung. Ist ein Staat überfordert, kann er über den Mechanismus Hilfe anfordern. Das rund um die Uhr besetzte Emergency Response Coordination Centre (ERCC) bündelt daraufhin Unterstützung aus anderen Ländern, von Einsatzkräften und Material bis hin zu technischer Expertise.

Ergänzt wird dieses System durch rescEU, eine strategische Reserve an Ausrüstung und Einsatzkapazitäten. Sie kommt bei Großereignissen wie Waldbränden, Krankheitsausbrüchen, chemischen oder radiologischen Gefahren sowie bei kritischen Infrastruktur-Notfällen zum Einsatz und soll nationale Ressourcen gezielt ergänzen.

Finanziell ist der EU-Katastrophenschutz für den Zeitraum 2021 bis 2027 mit rund 3,6 Milliarden Euro ausgestattet. Für die nächste Haushaltsperiode ab 2028 sind weitere Milliardeninvestitionen in Katastrophenschutz und Gesundheitskrisenvorsorge geplant, um Prävention, Reaktionsfähigkeit und Resilienz zu stärken.

Zudem arbeitet die EU an einer Ausweitung ihrer Strategien. Die geplante „Preparedness Union Strategy“ sieht unter anderem bessere Risikobewertungen, eine stärkere Verzahnung von ziviler und militärischer Vorsorge sowie mehr Maßnahmen zur Vorbereitung der Bevölkerung vor. Die öffentliche Unterstützung dafür ist hoch: Umfragen zeigen, dass eine überwältigende Mehrheit der EU-Bevölkerung eine koordinierte Rolle der Union im Katastrophenfall befürwortet.

Freiwillige helfen beim Bau von Sandsack-Wänden
Wiki | Patsy Lynch - Public domain

Maßnahmen für mehr Katastrophenschutz

Ein zentraler Schwachpunkt des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes in vielen Staaten ist die unzureichende Finanzierung. Hilfsorganisationen verweisen seit Jahren auf hohen Investitionsbedarf, um Strukturen zu modernisieren und Einsatzbereitschaft dauerhaft sicherzustellen.

Gleichzeitig stützt sich der Bevölkerungsschutz stark auf Ehrenamtliche, die häufig den Großteil der Einsatzkräfte stellen – ein Modell, das ohne verlässliche Finanzierung, Ausbildung und langfristige Unterstützung zunehmend an Grenzen stößt.

Viele Regierungen reagieren inzwischen mit umfangreichen Investitionsprogrammen. Geplant sind Milliardenbeträge für moderne Warnsysteme, Schutzräume, neue Einsatzfahrzeuge sowie die Digitalisierung von Führungs- und Kommunikationsstrukturen. Diese Maßnahmen gelten als Antwort auf wachsende Risiken wie Extremwetter, Pandemien, hybride Bedrohungen und Angriffe auf kritische Infrastrukturen.

Besonders sensibel ist die Warninfrastruktur. In zahlreichen Regionen sind Sirenen- und Alarmsysteme noch nicht vollständig digitalisiert oder nur eingeschränkt nutzbar. Der Ausbau moderner Warnmittel, etwa durch die Verknüpfung von Sirenen, Mobilfunkwarnungen und digitalen Plattformen, kommt voran, verläuft jedoch uneinheitlich. Ziel bleibt eine schnelle, präzise und flächendeckende Information der Bevölkerung.

Auch auf regionaler und kommunaler Ebene sehen Verantwortliche erheblichen Nachholbedarf. Gefordert werden mehr Personal, bessere Ausstattung, zusätzliche Schulungen sowie klarere Zuständigkeiten. Häufig mangelt es an einheitlichen Standards und an funktionierender Koordination über Verwaltungsgrenzen hinweg – Defizite, die sich in großen Schadenslagen besonders deutlich zeigen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Ebenen und Hilfsorganisationen. Erfahrungen aus früheren Katastrophen machen deutlich, dass Engagement allein nicht ausreicht, wenn Führungsstrukturen, Kommunikation und rechtliche Einbindung unklar sind. Gefordert wird eine stärkere, verbindliche Integration aller Akteure in klar geregelte Entscheidungs- und Einsatzstrukturen.

Parallel dazu gewinnt die Vorsorge an Bedeutung. Die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung soll durch Information, Bildung und Aufklärung gestärkt werden. Digitale Warn- und Informationsangebote spielen dabei eine wichtige Rolle, müssen jedoch Teil eines umfassenden und verlässlichen Systems sein.

Zunehmend diskutiert wird auch eine stärkere zentrale Koordination. Nationale Kompetenzzentren könnten im Krisenfall Standards setzen, den Überblick verbessern und die Zusammenarbeit beschleunigen, ohne regionale Verantwortung zu verdrängen.

Katastrophenschutz ist längst keine Reaktion auf Ausnahmeereignisse mehr. Klimawandel, globale Vernetzung und geopolitische Spannungen machen ihn zu einer dauerhaften gesellschaftlichen Aufgabe. Sein Ausbau erfordert langfristige Investitionen, klare Zuständigkeiten und eine enge Verzahnung von Staat, Hilfsorganisationen und Bevölkerung – als Voraussetzung für eine widerstandsfähige Gesellschaft in zunehmend komplexen Krisenzeiten.

Autor: Maximilian Stark 21.01.26, lizenziert unter CC BY-SA 4.0

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