Porajmos
Erfahre mehr über das Porajmos – den systematischen Völkermord an Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Hintergründe, Fakten und historische Einordnung.
Was ist der Porajmos? - Völkermord an den Sinti und Roma
Der Begriff Porajmos (manchmal auch Porrajmos geschrieben, aus der Sprache der Romani, übersetzt meist als „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord, den die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs an den europäischen Sinti und Roma verübt haben.
Hier sind die wichtigsten historischen und kulturellen Hintergründe dazu:
1. Definition und Hintergrund
- Das Wort: Der Begriff wurde im späten 20. Jahrhundert (unter anderem von dem Historiker Henry R. Huttenbach und dem Linguisten Ian Hancock) geprägt, um eine eigene Bezeichnung für das Schicksal der Sinti und Roma im Nationalsozialismus zu etablieren. (Hinweis: Innerhalb der Roma-Gemechaften selbst ist der Ausdruck teilweise umstritten; manche bevorzugen alternative Begriffe wie Samudaripen, was „das allseitige Töten“ oder „Massenmord“ bedeutet).
- Ausmaß der Verfolgung: Unter der Rassenideologie des NS-Regimes wurden Sinti und Roma systematisch verfolgt, in Ghettos und Konzentrationslager (wie das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau) deportiert und ermordet. Historiker schätzen, dass zwischen 220.000 und 500.000 Menschen (ein großer Teil der europäischen Sinti und Roma) dem Völkermord zum Opfer fielen.
2. Nachkriegszeit und Anerkennung
- Langes Vergessen: Lange Zeit wurde der Völkermord an den Sinti und Roma in der Öffentlichkeit und in den Geschichtsbüchern kaum beachtet, weshalb er manchmal auch als der „vergessene Holocaust“ bezeichnet wird. Überlebende kämpften jahrzehntelang um offizielle Anerkennung und Entschädigung.
- Offizielle Anerkennung: In Deutschland wurde die nationalsozialistische Verfolgung aus rassistischen Gründen erst am 17. März 1982 offiziell als Völkermord anerkannt.
- Gedenktag: Um an die Opfer zu erinnern, erklärte das Europäische Parlament im Jahr 2015 den ➡️ 2. August zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. Das Datum erinnert an die Liquidierung des letzten Familienlagers in Auschwitz-Birkenau in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, bei der Tausende verbliebene Häftlinge ermordet wurden.
Wichtiger Hinweis: Der Begriff Porajmos wird in einigen sprachwissenschaftlichen und kulturellen Debatten von Mitgliedern der Minderheit kritisiert, da die wörtliche Übersetzung im Romanes je nach Dialekt missverständlich sein oder andere Konnotationen haben kann. Aus diesem Grund bevorzugen viele Aktivisten und Verbände Begriffe wie Samudaripen oder sprechen schlicht vom Völkermord an den Sinti und Roma im Rahmen des Holocaust.
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Wieso ist in Deutschland immer nur vom Holocaust die Rede und fast nie vom Porajmos?
Dass im öffentlichen Bewusstsein und im Geschichtsunterricht fast ausschließlich vom Holocaust an den jüdischen Menschen die Rede ist und der Völkermord an den Sinti und Roma (der Porajmos oder auch Samudaripen) lange Zeit kaum vorkam, hat historische, politische und gesellschaftliche Gründe.
Hier sind die zentralen Ursachen für diese ungleiche Wahrnehmung:
1. Kontinuität der Verfolgung nach 1945
- Weiterbestehende Vorurteile: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete die Diskriminierung von Sinti und Roma in Deutschland keineswegs. Viele Behörden, die schon während der NS-Zeit für die Erfassung und Verfolgung zuständig waren (wie Kriminalämter oder Entschädigungsbehörden), arbeiteten in der Bundesrepublik oft mit denselben rassistischen Stereotypen weiter.
- Verweigerte Entschädigung: Überlebende Sinti und Roma kämpften jahrzehntelang vergeblich um finanzielle Entschädigung und Anerkennung. Die Nachkriegsjustiz argumentierte oft, sie seien nicht aus „rassischen“ Gründen, sondern wegen angeblicher „kriminieller Neigungen“ oder „Asozialität“ verfolgt worden – womit die nationalsozialistischen Kategorien fälschlicherweise fortgeführt wurden. Erst 1982 wurde der Völkermord von der deutschen Bundesregierung offiziell anerkannt.
2. Späte Selbstorganisation und fehlende Lobby
- Im Vergleich zu den jüdischen Gemeinden, die nach dem Krieg schnell internationale Organisationen und Netzwerke aufbauten, um das Gedenken zu sichern und Überlebende zu unterstützen, waren Sinti und Roma stark zersplittert und marginalisiert.
- Erst durch die Entstehung einer eigenen Bürgerrechtsbewegung Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren (symbolisiert durch die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Jahr 1982) gelang es den Betroffenen, ihre Geschichte öffentlich hörbar zu machen und das jahrzehntelange Totschweigen zu durchbrechen.
3. Fokus der historischen Forschung
- In den ersten Jahrzehnten nach 1945 konzentrierte sich die historische Aufarbeitung (sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland) primär auf die Verbrechen an den europäischen Juden als dem zentralen, industriellen Menschheitsverbrechen des NS-Regimes.
- Die Verfolgung anderer Opfergruppen – wie Menschen mit Behinderungen, politischer Widerstandskämpfer, Homosexueller oder eben Sinti und Roma – wurde lange als „Randnotiz“ behandelt oder in der Geschichtsschreibung schlicht übergangen.
4. Fortwirkender Antiziganismus
- Ein wesentlicher Grund für das späte Gedenken ist der bis heute tief in der europäischen Gesellschaft verankerte ➡️ Antiziganismus (die Diskriminierung von Sinti und Roma). Wenn eine Minderheit gesellschaftlich diskriminiert und ausgegrenzt wird, fällt es der Mehrheitsgesellschaft historisch schwerer, sich mit dem an ihr begangenen historischen Unrecht zu solidarisieren und dieses im kollektiven Gedächtnis dauerhaft zu verankern.
Die Entwicklung heute
In den letzten Jahren hat sich glücklicherweise einiges getan: Durch den hartnäckigen Einsatz von Bürgerrechtsorganisationen, die Einrichtung von Gedenkorten (wie dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin) und eine differenziertere historische Forschung rückt der Porajmos zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Dennoch bleibt er im Vergleich zum Holocaust an den jüdischen Menschen bis heute ein „vergessener Völkermord“.
Entwurf: Google Gemini, gelesen und zum Teil editiert von Dr. Norbert Stute. Datum: 26.07.26
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