Kundgebung der österreichischen Vaterländischen Front in Wien am 18. Oktober 1936.
Wiki | Unknown author - Public domain

Austrofaschismus

Entdecke die Epoche des Austrofaschismus (1933-1938) in Österreich: Machtübernahme, Bürgerkrieg und das Ende des autoritären Ständestaats.

Kundgebung der österreichischen Vaterländischen Front in Wien am 18. Oktober 1936.
Wiki | Unknown author - Public domain

Der Austrofaschismus (1933–1938): Der Weg von der Demokratie zur Diktatur

Die Jahre zwischen 1933 und 1938 gehören zu den konfliktreichsten und folgenreichsten Abschnitten der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurde die parlamentarische Demokratie der Ersten Republik schrittweise beseitigt und durch ein autoritäres Herrschaftssystem ersetzt, das heute überwiegend als Austrofaschismus bezeichnet wird. Zeitgenössisch und in der späteren politischen Selbstbeschreibung wurde das System häufig als „Ständestaat“ oder „Christlicher Ständestaat“ bezeichnet.

Hier geht es direkt zur Ressource zu ➡️ Austrofaschismus

Diese Begriffe waren jedoch nicht neutral: Sie sollten den Anspruch vermitteln, eine Alternative sowohl zur parlamentarischen Demokratie als auch zum Nationalsozialismus und Kommunismus geschaffen zu haben.

Der entscheidende Wendepunkt erfolgte im März 1933. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nutzte eine Krise um die Geschäftsordnung des Nationalrats, bei der die drei Präsidenten des Parlaments zurücktraten, um das Parlament faktisch auszuschalten. Anstatt Neuwahlen anzusetzen oder die parlamentarische Arbeit wiederherzustellen, verhinderte die Regierung die erneute Einberufung des Nationalrats. Von diesem Zeitpunkt an regierte Dollfuß zunehmend auf Grundlage von Notverordnungen. Die demokratische Kontrolle der Regierung wurde damit praktisch außer Kraft gesetzt.

Die politische Entwicklung war Ausdruck einer tiefen Krise der Ersten Republik. Österreich war von wirtschaftlichen Problemen, hoher Arbeitslosigkeit und einer zunehmenden Radikalisierung der politischen Lager geprägt. Konservative, sozialdemokratische und nationalsozialistische Kräfte standen einander unversöhnlich gegenüber. Bereits vor 1933 hatten paramilitärische Organisationen wie die Heimwehr und der Republikanische Schutzbund die politische Auseinandersetzung zunehmend militarisiert.

Das Regime Dollfuß orientierte sich ideologisch an mehreren Vorbildern. Eine wichtige Rolle spielten katholisch-konservative Gesellschaftsvorstellungen und die Idee einer berufsständisch organisierten Gesellschaft. Gleichzeitig war der Einfluss des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini deutlich erkennbar. Auch der sogenannte Korneuburger Eid der Heimwehrbewegung von 1930 hatte programmatische Bedeutung. Darin wurde die parlamentarische Demokratie ausdrücklich abgelehnt und ein autoritärer Staat gefordert.

Im Laufe des Jahres 1933 begann die Regierung, politische Gegner systematisch auszuschalten. Zunächst wurden die Kommunistische Partei Österreichs und die österreichische NSDAP verboten. Während das Verbot der Nationalsozialisten auch dem Ziel diente, die staatliche Unabhängigkeit Österreichs gegenüber dem zunehmend aggressiven Deutschen Reich zu verteidigen, richtete sich die autoritäre Politik gleichzeitig gegen demokratische und sozialistische Kräfte im Inneren.

Der Februar 1934: Bürgerkrieg und endgültige Zerschlagung der Opposition

Die Eskalation erreichte im Februar 1934 ihren Höhepunkt. Nachdem die Regierung verstärkt gegen sozialdemokratische Organisationen und deren paramilitärischen Republikanischen Schutzbund vorgegangen war, kam es in mehreren österreichischen Städten zu bewaffneten Kämpfen. Besonders in Wien, Linz und der Steiermark leisteten Angehörige der Arbeiterbewegung Widerstand gegen Polizei, Bundesheer und Heimwehrverbände.

Die sogenannten Februarkämpfe oder der Österreichische Bürgerkrieg dauerten nur wenige Tage, hatten jedoch weitreichende politische Folgen. Die militärisch unterlegene Arbeiterbewegung wurde gewaltsam besiegt. Zahlreiche Menschen kamen ums Leben, viele weitere wurden verletzt, verhaftet oder verfolgt. Führende Vertreter der Sozialdemokratie mussten ins Ausland fliehen oder wurden inhaftiert.

Kanzler Dollfuss in Kaiserjäger-Uniform als Redner bei einer Veranstaltung der Vaterländischen Front auf dem Wiener Trabrennplatz.
Wiki | Unknown author - Public domain

Mit der Niederlage der Sozialdemokratie war der wichtigste organisierte politische Gegner des Regimes ausgeschaltet. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde verboten, ihre Organisationen aufgelöst und ihr politischer Einfluss zerstört. Damit war der Übergang von einer zunehmend autoritären Regierung zu einer offenen Diktatur endgültig vollzogen.

Am 1. Mai 1934 trat schließlich eine neue Verfassung in Kraft. Sie wurde nicht auf demokratischem Weg beschlossen, sondern von der Regierung oktroyiert. Die sogenannte Maiverfassung sollte den parlamentarischen Parteienstaat durch einen autoritären Ständestaat ersetzen. Politische Parteien sollten keine zentrale Rolle mehr spielen; stattdessen war eine Gesellschaftsordnung vorgesehen, in der verschiedene Berufs- und Interessengruppen in sogenannten Ständen organisiert wurden.

In der politischen Realität blieb diese ständische Ordnung allerdings weitgehend ein theoretisches Ideal. Die tatsächliche Macht konzentrierte sich bei der Regierung und dem autoritären Staatsapparat. Als politische Massenorganisation des Regimes wurde die Vaterländische Front aufgebaut. Sie sollte die Bevölkerung politisch zusammenführen und die bisherigen Parteien ersetzen. Tatsächlich entwickelte sie sich zur einzigen zugelassenen politischen Organisation und zu einem zentralen Instrument der staatlichen Kontrolle.

Dollfuß und Schuschnigg: Die führenden Figuren des Regimes

Engelbert Dollfuß wurde zur zentralen Figur der neuen autoritären Ordnung. Sein politisches Ziel bestand darin, Österreich als unabhängigen Staat zu erhalten und gleichzeitig eine autoritäre, katholisch geprägte Gesellschaftsordnung zu etablieren. Diese doppelte Zielsetzung führte zu einem grundlegenden Widerspruch: Das Regime bekämpfte den deutschen Nationalsozialismus und verteidigte die österreichische Eigenstaatlichkeit, hatte aber gleichzeitig selbst die demokratische Ordnung beseitigt.

Dollfuß' Herrschaft endete abrupt im Juli 1934. Österreichische Nationalsozialisten unternahmen einen Putschversuch und drangen in das Bundeskanzleramt ein. Dollfuß wurde dabei schwer verletzt und schließlich ermordet. Der Putsch scheiterte, auch weil das österreichische Bundesheer und andere staatliche Kräfte loyal zur Regierung blieben.

Nach seinem Tod übernahm Kurt Schuschnigg die Führung des Landes. Er setzte die autoritäre Politik seines Vorgängers fort und versuchte weiterhin, die Unabhängigkeit Österreichs zu bewahren. Doch die internationale Lage hatte sich grundlegend verändert. Das nationalsozialistische Deutsche Reich unter Adolf Hitler gewann zunehmend an Macht und Einfluss, während Österreich außenpolitisch immer stärker isoliert wurde.

Besonders schwer wog der Verlust der Unterstützung Italiens. Benito Mussolini hatte Österreich zunächst als Pufferstaat gegenüber Deutschland betrachtet und nach dem Putschversuch von 1934 noch demonstrativ seine Unterstützung signalisiert. Mit der Annäherung Italiens an Hitler-Deutschland verlor Österreich jedoch seinen wichtigsten außenpolitischen Verbündeten.

Eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von uniformierten Männern, die in einer saluting Position vor einer großen Menschenmenge stehen.
Wiki | Wide World Photo - public domain

Das Ende des Ständestaates und der „Anschluss“ 1938

In den letzten Jahren des Regimes geriet Österreich zunehmend unter deutschen Druck. Hitler forderte politischen Einfluss für österreichische Nationalsozialisten und setzte Schuschnigg immer stärker unter Druck. Der österreichische Bundeskanzler versuchte schließlich, durch eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs die Eigenstaatlichkeit des Landes zu sichern.

Dazu kam es jedoch nicht mehr. Unter massivem Druck aus Berlin musste Schuschnigg zurücktreten. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Der sogenannte „Anschluss“ an das Deutsche Reich wurde in den folgenden Tagen vollzogen.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht brach das austrofaschistische System zusammen. Österreich verlor seine staatliche Eigenständigkeit und wurde Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Für viele Gegner des Nationalsozialismus bedeutete dies den Beginn einer noch wesentlich brutaleren Phase politischer Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung.

Der Austrofaschismus war damit einerseits ein autoritäres System, das selbst die Demokratie beseitigt und politische Gegner verfolgt hatte. Andererseits verstand sich das Regime als Gegner des deutschen Nationalsozialismus und versuchte, Österreichs Unabhängigkeit gegenüber Hitler zu verteidigen. Gerade dieser Widerspruch prägte später auch die Erinnerung an diese Epoche.

Die lange fehlende Aufarbeitung nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Österreich vor der schwierigen Aufgabe, sich mit zwei Diktaturerfahrungen auseinanderzusetzen: mit dem Austrofaschismus der Jahre 1933 bis 1938 und mit der nationalsozialistischen Herrschaft zwischen 1938 und 1945. Eine umfassende und selbstkritische Aufarbeitung blieb jedoch über Jahrzehnte hinweg aus.

Stattdessen dominierte zunächst eine Erzählung, die Österreich vor allem als Opfer des Nationalsozialismus darstellte. Diese Sichtweise wurde durch die Moskauer Deklaration der Alliierten von 1943 begünstigt. Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten erklärten darin Österreich zum „ersten freien Land“, das der Aggression Hitlers zum Opfer gefallen sei.

So viele Menschenleben forderte der NS-Rassenwahn
statista - CC BY-ND 3.0

Diese Formulierung hatte nach 1945 große politische Bedeutung. Sie erleichterte den Wiederaufbau eines unabhängigen österreichischen Staates und wurde zu einem wichtigen Bestandteil der politischen Selbstdefinition der Zweiten Republik. Gleichzeitig entwickelte sich daraus der sogenannte österreichische Opfermythos.

Österreich präsentierte sich lange Zeit vor allem als Opfer der nationalsozialistischen Aggression. Weitgehend ausgeblendet wurde dabei, dass zahlreiche Österreicher den „Anschluss“ 1938 begeistert begrüßt hatten. Hunderttausende waren Mitglieder der NSDAP oder anderer nationalsozialistischer Organisationen. Österreicher waren zudem in erheblichem Ausmaß an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt – in der Wehrmacht, in der SS, in der Verwaltung, in Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie bei der Verfolgung und Ermordung von Juden und anderen Opfergruppen.

Die Darstellung Österreichs als ausschließliches Opfer machte es möglich, die Frage nach der eigenen Verantwortung lange Zeit zu verdrängen.

Das Schweigen über den Austrofaschismus

Auch die Aufarbeitung des Austrofaschismus verlief nach 1945 nur zögerlich. Die politischen Voraussetzungen dafür waren kompliziert. Die Zweite Republik wurde maßgeblich von zwei großen politischen Lagern getragen: der Sozialdemokratie und dem konservativ-christlichsozialen Lager, aus dem die Österreichische Volkspartei (ÖVP) hervorging.

Beide Seiten hatten unterschiedliche Erinnerungen an die Jahre vor 1938. Die Sozialdemokratie verstand sich als Opfer der Februarkämpfe von 1934 und der anschließenden Diktatur. Das konservative Lager wiederum stand in einer historischen Verbindung zu den politischen Kräften, die den Ständestaat getragen hatten.

Um nach 1945 einen stabilen demokratischen Staat aufzubauen, entstand zwischen den politischen Lagern ein Grundkonsens der Zusammenarbeit. Dieser Konsens war für die Stabilisierung der Zweiten Republik von großer Bedeutung. Gleichzeitig führte er dazu, dass über die Konflikte der Ersten Republik und über die Verantwortung für die Zerstörung der Demokratie häufig möglichst wenig gesprochen wurde.

Der Austrofaschismus wurde in Teilen der Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg verharmlost oder als notwendige Schutzmaßnahme gegen den Nationalsozialismus dargestellt. Besonders deutlich zeigte sich dies im Umgang mit Engelbert Dollfuß. Teile des konservativen Lagers verehrten ihn lange als Märtyrer und als Symbol des österreichischen Widerstands gegen Hitler.

Tatsächlich war Dollfuß ein entschiedener Gegner der nationalsozialistischen Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich. Gleichzeitig hatte seine Regierung das Parlament ausgeschaltet, politische Parteien verboten und eine autoritäre Diktatur errichtet. Die spätere Erinnerung konzentrierte sich jedoch häufig stärker auf seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus als auf die Zerstörung der demokratischen Ordnung.

Eine Karte mit Konzentrationslagern während der NS-Zeit
statista - CC BY-ND 3.0

Entnazifizierung zwischen Bestrafung und rascher Integration

Auch der Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten war nach 1945 von Widersprüchen geprägt. Unmittelbar nach Kriegsende wurden zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder registriert. Besonders belastete Personen verloren ihre politischen Rechte oder wurden von bestimmten Berufen ausgeschlossen. Es kam zu Verfahren gegen Täterinnen und Täter sowie zu Maßnahmen der Entnazifizierung.

Diese Politik verlor jedoch bereits nach wenigen Jahren an Konsequenz. Österreich stand vor dem Wiederaufbau eines zerstörten Landes, und die politischen Parteien wollten möglichst breite Teile der Bevölkerung in die neue Republik integrieren. Da eine große Zahl von Menschen in unterschiedlichem Ausmaß in das NS-System eingebunden gewesen war, entwickelte sich die Entnazifizierung zunehmend zu einer politischen und gesellschaftlichen Belastungsprobe.

In den 1950er-Jahren wurden viele ehemalige Nationalsozialisten durch Amnestien und gesetzliche Regelungen wieder in die Gesellschaft integriert. Zahlreiche Personen kehrten in öffentliche und private Berufe zurück, darunter auch in Verwaltung, Justiz und Bildungswesen.

Die strafrechtliche Verfolgung schwerer NS-Verbrechen blieb ebenfalls über lange Zeit unzureichend. Viele Täter wurden nie vor Gericht gestellt, Verfahren wurden eingestellt oder Urteile fielen vergleichsweise mild aus. Das Interesse, einen gesellschaftlichen Schlussstrich zu ziehen, war in der jungen Zweiten Republik oft stärker als die Bereitschaft, die Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten.

Der Wandel seit den 1980er-Jahren

Erst ab den 1980er-Jahren setzte ein grundlegender Wandel im österreichischen Geschichtsbewusstsein ein. Einen entscheidenden Einschnitt bildete die Waldheim-Affäre im Jahr 1986. Im Präsidentschaftswahlkampf wurde die bislang nicht vollständig offengelegte Vergangenheit des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kurt Waldheim während des Zweiten Weltkriegs international zum Thema.

Die Affäre löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus. Plötzlich stand nicht mehr nur die Frage nach der persönlichen Vergangenheit eines einzelnen Politikers im Mittelpunkt. Diskutiert wurde auch die grundlegende Selbstwahrnehmung Österreichs. War das Land tatsächlich ausschließlich Opfer des Nationalsozialismus gewesen – oder hatte ein bedeutender Teil der österreichischen Bevölkerung das NS-Regime unterstützt und aktiv an dessen Verbrechen mitgewirkt?

Am 08. November 2024 nahm Außenminister Alexander Schallenberg am Gedenken anlässlich der Novemberpogrome 1938 in Wien teil. Foto: © BMEIA/ Michael Gruber
BMEIA/ Michael Gruber - CC BY 2.0

Diese Diskussion markierte einen wichtigen Wendepunkt. Die österreichische Gesellschaft begann zunehmend, sich kritisch mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen.

1991 setzte Bundeskanzler Franz Vranitzky ein bedeutendes politisches Zeichen. In einer viel beachteten Erklärung räumte er die Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus ein. Damit distanzierte sich die österreichische Politik deutlich von der jahrzehntelang dominierenden Vorstellung eines ausschließlich unschuldigen Opferstaates.

Eine kritischere Erinnerungskultur

Seit den 1990er-Jahren hat sich die österreichische Erinnerungskultur deutlich verändert. Die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus, die Beteiligung österreichischer Täter, die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und die Geschichte des Widerstands werden heute intensiver erforscht und öffentlich diskutiert. Institutionen wie das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, das Haus der Geschichte Österreich, Gedenkstätten und wissenschaftliche Einrichtungen leisten dabei wichtige Arbeit. Dennoch darf diese Entwicklung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiterhin unvollständig und umkämpft ist.

Besonders problematisch ist, dass Rassismus und Antisemitismus in Österreich keineswegs nur historische Themen sind. Der ZARA-Rassismus-Report 2024 dokumentierte 1.647 gemeldete rassistische Vorfälle, darunter rund 61 Prozent im Internet. ZARA warnt zudem vor einer zunehmenden Normalisierung rassistischer und ausgrenzender Sprache im öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig registrierte die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Jahr 2025 insgesamt 1.532 antisemitische Vorfälle – die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen und durchschnittlich mehr als vier Vorfälle pro Tag. Diese Zahlen zeigen, dass Rassismus und Antisemitismus keine überwundenen Probleme sind, sondern weiterhin eine reale gesellschaftliche Bedrohung darstellen.

Auch die politische Entwicklung macht deutlich, dass die Lehren aus der Geschichte nicht selbstverständlich sind. Die FPÖ wurde bei der Nationalratswahl 2024 mit 28,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei. Die große Zustimmung zu einer Partei, deren Politik stark von nationalistischen, migrationsfeindlichen und ausgrenzenden Positionen geprägt ist, zeigt, wie anschlussfähig solche politischen Vorstellungen in Teilen der Gesellschaft geworden sind. Daraus folgt nicht, dass alle FPÖ-Wählerinnen und -Wähler rassistische oder rechtsextreme Einstellungen vertreten. Dennoch muss die Stärke der FPÖ als Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung ernst genommen werden, in der Abgrenzung, die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen „Wir“ und „den Anderen“ sowie autoritäre politische Vorstellungen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Gerade deshalb ist die Geschichte Österreichs zwischen 1933 und 1945 keine abgeschlossene Vergangenheit. Sie zeigt, wie demokratische Institutionen durch politische Krisen, Radikalisierung und autoritäre Entwicklungen schrittweise geschwächt werden können. Die lange fehlende Aufarbeitung nach 1945 zeigt zugleich, wie gefährlich Schweigen, Verdrängung und nationale Mythen sein können. Erinnerung darf daher nicht bei Gedenkfeiern und historischen Jahrestagen enden. Angesichts der heutigen Stärke rechter und nationalistischer Politik sowie der hohen und zunehmenden Zahl rassistischer und antisemitischer Vorfälle muss historische Aufarbeitung auch bedeuten, Entwicklungen der Gegenwart kritisch zu erkennen und ihnen entgegenzutreten. Demokratie, Menschenrechte und der Schutz von Minderheiten sind keine Selbstverständlichkeit – sie müssen jeden Tag verteidigt werden.

Autor: Maximilian Stark 02.09.26, lizenziert unter CC BY-SA 4.0