Ulrich Gottstein (D)

Ulrich Gottstein anlässlich der Verleihung der Paracelsus-Medaille beim 114. Deutschen Ärztetag in Kiel - Ein älterer Mann mit weißem Haar, lächelt in einem Anzug mit Krawatte und einer Medaille, vor einem Theater mit roten Sitzreihen.
Zoppi1007 - CC BY-SA 4.0

➡️ Ulrich Gottstein - der unermüdliche Diener für die Sache des Friedens ist gestorben


Am 30. Dezember 2025 starb Gründungsmitglied und IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied Ulrich Gottstein im Alter von 99 Jahren. Bis zuletzt hat er aktiv am Vereinsleben teilgenommen. Sein Vermächtnis an die IPPNW besteht zweifellos darin, gemeinsam alles dafür zu tun, unsere Welt friedlicher zu machen und uns für ein Verbot von Atomwaffen einzusetzen.

Ulrich Gottsteins Frage war immer: Was kann die Medizin für den Frieden tun? Wie können wir Mediziner*innen unsere Welt friedlicher machen? Ein medizin-ethischer Ansatz für unsere IPPNW-Arbeit national und international. Die deutsche und mehrere IPPNW Sektionen weltweit haben seine Impulse aufgegriffen und die Theorie und Praxis der Medizinischen Friedensarbeit entwickelt: Medical Peace Work.
Gottstein war Teil einer IPPNW-Delegation, die im Gespräch mit Michail Gorbatschow erreichen konnte, dass der sowjetische Präsident 1986 einem einseitigen Atomtest-Moratorium zustimmte.

IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied Ulrich Gottstein war für uns immer ein Vorbild in dem, wie Humanität, medizinische Ethik und medizinisches Wissen zusammengebracht werden können. Er war leidenschaftlich von der Möglichkeit und der Kraft der Versöhnung überzeugt. Angelika Claußen erinnert sich, wie sie ihm emotional besonders nahegekommen ist, als sie im Mai 2003 kurz nach Ende der Kampfhandlungen zusammen in den Irak gefahren sind und medizinische Hilfsgüter nach Bagdad gebracht haben.

Die Gespräche in jener Zeit gaben Angelika Claußen viel Inspiration und Kraft, zwei IPPNW-Bildungsprojekte als Beispiel medizinischer Friedensarbeit auf den Weg zu bringen, gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Peter Riedesser aus Hamburg und dem Epidemiologen Wolfgang Hoffmann aus Greifswald. Dazu zählten der Aufbau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie im Irak sowie ein Projekt zu neuesten epidemiologischen Forschungsmethoden und zur Schaffung von eigenen wissenschaftlichen Studien zur Umweltmedizin im Irak.

Ulrich Gottstein hat nicht nur geredet, sondern aus einer medizinisch-humanitären Perspektive heraus gehandelt, um gesellschaftliche Entwicklungen zum Positiven zu beeinflussen. Dazu zählten seine Transporte in die Kriegsgebiete der umkämpften Gebiete in Ex Jugoslawien, die Medikamententransporte in den Irak während der international verhängten Sanktionen zwischen 1991 und 2003 sowie die IPPNW-Kinderhilfe Irak, dank derer mehr als 100 irakische Kinder zu Operationen und stationären Behandlungen in deutschen Kliniken untergebracht werden konnten. Durch diese Projekte fühlen wir uns unserem Ehrenvorstandsmitglied sehr verbunden.

Monika und Ulrich Gottstein waren wunderbare Gastgeber*innen in ihrem weltweit geschätzten Frankfurter Haus. Für zahllose internationale Gäste waren die beiden erste Anlaufstelle in Deutschland, zahllose IPPNW-Treffen wurden im Hause Gottstein abgehalten. Es gibt in der großen internationalen Familie der IPPNW wohl wenige Menschen, die so geschätzt, verehrt, respektiert und vielleicht auch „geliebt“ wurden wie Ulrich Gottstein. Er war damit zugleich eine auf vielen Ebenen wichtige Integrationsfigur im weltweiten Netzwerk der IPPNW.

Für Lars Pohlmeier war und bleibt er ein „Mutmacher“. Ulrich Gottstein begegnete er erstmals bei einem europäischen Studierenden-Treffen in Rostock 1991. Er ist Lars persönlich über die Jahre eine wichtige Leitfigur und Vorbild geworden. Zuletzt besuchte ihn die Pohlmeier-Familie im vergangenen Juni in der Seniorenresidenz. Die Begegnung und das politische Gespräch mit Ulrich und Monika Gottstein vor allem mit den beiden jungen Erwachsenen waren berührend, weil sie eine weitere besondere Eigenschaft zeigten: Ulrich Gottstein war stets ein guter Zuhörer, der sich lebenslang Neugierde und ein genuines Interesse für sein Gegenüber bewahrte, egal ob klein oder groß. Was für eine großartige Eigenschaft!

Mit seiner humanitären Stimme in die Politik hinein hat Ulrich Gottstein wesentlich dazu beigetragen, dass die IPPNW so viel erreicht hat - auf internationaler Ebene bis hin zum Atomwaffen-Verbotsvertrag. Nicht umsonst war er gleich zweimal eingeladen zur Friedensnobelpreisverleihung nach Oslo: 1985 und 2017. Dies ist wohl nur wenigen Menschen beschieden.

Die eigene Kriegserfahrung als 17-jähriger hat Ulrich Gottstein geprägt wie auch der Protestantismus. Er war fleißig, besonnen und bescheiden. Er hatte zahllose leitende Positionen innerhalb und außerhalb der IPPNW inne. Er war viele Jahre Mitglied im deutschen (1981 bis 1995) und internationalen Vorstand (1982-1996) und lange IPPNW-Europa-Präsident (1989-93). Er hat mit der Paracelsus-Medaille (2011) höchste Ehrungen der deutschen Ärzt*innenschaft erhalten und war Träger des Bundesverdienstkreuzes (1992). Er war ohne Allüren, sondern im Grunde seines Herzens einfach Diener der „guten Sache“, vor allem des Friedens.

Den Rücken stärkte ihm seine Frau Monika, die umsichtig und klug stets wichtige Beraterin und Mitstreiterin war. Ihr gebührt zudem unendlicher Dank, dass sie uns so viel Lebenszeit von ihrem Ulrich abgegeben hat.

Der letzte große IPPNW-Auftritt datiert aus dem Jahr 2022 auf dem 40-jährigen Jubiläumskongress in Landsberg, als Ulrich Gottstein uns noch einmal alle mitnahm auf eine bewegende Zeltreise von der Gründungsphase der IPPNW bis in die heutige Zeit. Seine damit verbundenen persönlichen Erinnerungen an Bernhard Lown und Evgenij Tschasow waren bewegend.

Wir sind traurig, dass Ulrich nicht mehr lebt. Aber wir sind ihm sehr dankbar, dass er uns so lange solidarisch und aufopferungsvoll begleitet hat.
Seine Leidenschaft für Frieden und Abrüstung werden in Erinnerung bleiben und uns weitertragen.

Für die IPPNW

Angelika Claußen und Lars Pohlmeier
IPPNW-Co-Vorsitzende der deutschen Sektion

Work in Progress. Hinweise und Mitarbeit willkommen.