Frauenstreiks
Frauenstreik: Von Island bis Österreich und Deutschland
Seit dem ikonischen Frauenstreik in Island 1975 inspiriert der Protest gegen Geschlechterungerechtigkeit internationale Bewegungen – von Wien bis Berlin.
Frauenstreik: Geschichte, Inspiration, Gegenwart
Am 24. Oktober 1975 stand Island still: rund 90 Prozent der Frauen legten ihre bezahlte Arbeit nieder und verweigerten unbezahlte Care-Arbeit, um auf bestehende Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Dieser „Tag ohne Frauen“ gilt bis heute als ikonischer Ausgangspunkt für den globalen Frauenstreikgedanken. Er ist ein Symbol dafür, wie sichtbar die Abhängigkeit von weiblicher Arbeit wird, sobald sie ausfällt.
Island 1975: Der Tag, an dem das Land stillstand
Der isländische Frauenstreik 1975 entstand im Kontext der „neuen Frauenbewegung“ und wurde von der Frauenbewegung Kvinnafrídagurinn organisiert.
Schulen, Geschäfte, Büros und öffentliche Dienste mussten geschlossen bleiben, weil die meist weiblichen Beschäftigten nicht erschienen. Viele Väter mussten ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen. Die Aktion war nicht nur gewerkschaftlich, sondern auch feministisch-politisch: Sie forderte bessere Arbeitsbedingungen, Lohngleichheit und politische Teilhabe.
Bis heute erinnert Island regelmäßig an diesen Streik, etwa durch Demonstrationen und Gedenkaktionen, und zeigt so, wie aus einer konkreten Aktion langfristiger politischer Druck entsteht. Der isländische Fall wird heute oft als Vorbild für transnationale Streikformate genannt, weil er die ganze Gesellschaft, nicht nur einzelne Betriebe, sichtbar werden ließ.
Frauenstreik in der DACH-Region: Care, Kritik und „Enough!“
In Österreich erlebt der Frauenstreik‑Gedanke seit einigen Jahren eine neue Dynamik. Am 24. Oktober 2025 etwa fand in Wien ein Care‑ und Frauenstreik unter dem Motto „#stillgelegt“ statt, der direkt vom isländischen 1975er Streik inspiriert war.
Die Aktion rückte unbezahlte Care Arbeit, Gewalt gegen Frauen und die strukturelle Abwertung von Frauen‑ und Sorgearbeit in den Fokus. Am 08. März 2026 fand die größte bisherige #stillgelegt Aktion statt. Für den 9. März 2026 wurde unter dem Motto „Enough!“ zu einem internationalen Frauenstreik in Wien aufgerufen, der sich explizit intersektional versteht.
Gefordert werden unter anderem Stopp von Femiziden und rassistischer Hetze, eine gerechtere Verteilung öffentlicher Mittel, sowie der Kampf soziale Unsicherheit. Streik wird hier bewusst als Ganzes gedacht: nicht nur als Arbeitsniederlegung im Erwerb, sondern auch als Verweigerung von Care‑„Schonarbeit“ im Alltag.
In Deutschland gewinnt der Frauenstreik‑Diskurs seit einigen Jahren vor allem im Kontext der rassistischen Debatte um „deutsche Töchter“ und sozialer Spaltung an Bedeutung. Initiativen wie „Enough!“ und „Töchterkollektiv“ betonen, dass der Streik nicht nur um Lohn- oder Jobungleichheit, sondern um ein breites Bündnis von Anliegen geht: Gewalt gegen Frauen*, rassistische und sexuelle Diskriminierung, Care‑Infrastruktur, Zuflucht und soziale Sicherheit.
Die Schweiz nimmt eine Sonderrolle ein: Obwohl das Frauenwahlrecht erst 1971 eingeführt wurde, gab es bereits früh eine aktive Suffragette-Bewegung. Der erste nationale Frauenstreik 1991 mobilisierte über 500.000 Frauen und etablierte den 14. Juni als Kampftag für Gleichstellung. Der Streik 2019 knüpfte daran an und erweiterte die Forderungen um Lohngerechtigkeit und Care-Arbeit.
Die zentrale politische These dieser Bewegungen: Wenn Frauen, queere Personen und marginalisierte Gruppen sich für einen Tag sichtbar zurückziehen, wird deutlich, wie sehr die Gesellschaft auf ihre Arbeit und ihre Sorgearbeit angewiesen ist.
Streik als Form des politischen Protests
Im Gegensatz zu klassischen "Frauentag-Demonstrationen" zielt der Frauenstreik bewusst auf die Niederlegung von Arbeit. Er verbindet feministische Kritik an der Geschlechterordnung mit sozialen und ökonomischen Forderungen nach gerechterer Verteilung von Ressourcen, Zeit und Macht.
Besonders in Ländern wie Österreich und Deutschland, in denen Streikformen rechtlich eher eingeschränkt sind, werden kreative Formen wie „Care‑Streik“ betont.
So bleibt der Begriff „Frauenstreik“ nicht nur ein historisches Schlagwort, sondern ein lebendiges Konzept, das sich lokal an unterschiedliche rechtliche, soziale und politische Bedingungen anpasst.
Warum der Frauenstreik heute relevant bleibt
Ob in Island, Wien oder Berlin: Die zentrale Botschaft bleibt gleich – Frauen sind nicht nur Betroffene von Ungleichheit, sondern treibende Kräfte gesellschaftlicher Veränderung. Der Frauenstreik zeigt, dass feministische Politik nicht nur im Parlament, sondern in Straßen, Betrieben, Haushalten und digitalen Netzwerken verhandelt wird.
Gerade in Zeiten von erhöhter Gewalt, rassistischer Hetze und Prekarisierung wird der Frauenstreik zu einem Symbol dafür, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Eine Gesellschaft, in der Care, Feminismus und Solidarität als zentrale politische Prinzipien gelten.
Der Streik von 1975 in Island ist heute nicht nur ein historisches Ereignis, sondern eine lebendige Inspirationsquelle für aktuelle Bewegungen in Österreich, Deutschland und weltweit.
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Janna, Datum: 22.03.26 - Artikel lizenziert unter CC BY-SA 4.0
- Frauenstreik - Wikipedia
- Frauenstreik (Schweiz) - Wikipedia
- Globaler Frauenstreik - Wikipedia
- YT Trailer Ein Tag ohne Frauen
- Hans Böckler Stiftung zum Frauenstreik in Island
- Island´s Frauenstreik
- Spiegel Geschichte Fotostrecke
- Women´s History Archive (Photos)
- BBC Text zum Frauenstreik
- Standard: Frauenstreik 09. März
- Streik der 700 Rotes Wien
- Erster Frauenstreik in Wien
- Frauenvernetzung zum Streik
- Initiative Frauenstreik
- Frauenstreik in Österreich
- Broschüre Stille Heldinnen (Linzer Frauengeschichte)
- Deutsches Frauenarchiv: Frauen*streik
- Rosa Luxemburg Stiftung zum Frauenstreik in Island
- Zeitschrift Frauenstreik bpb
- Podcast zum Frauenstreik
- Wissenschaftliche Streikanalyse